Hehn und seine Vierzehn Nothelfer (6): Christophorus im Wandel

Eine heimatgeschichtliche Plauderei von Helmut Köhnes

Quelle: Abdruck mit freundlicher Genehmigung des "Rheindahlen Almanach '98"

Um die Lebensgeschichten der vorbildlichen Heiligen entstanden schon bald nach ihrem Tode zahlreiche Legenden. Eine "Legende" ist dem Wortsinn nach etwas, das "des Lesens wert" ist. Einer solchen bedenkenswerten Überlieferung zufolge lebte die heilige Barbara ja in einem verschlossenen Turm, in dem sie der eigene Vater gefangenhielt. Dieser Turm aber war mit allem Luxus ausgestattet, "wie kaum einer an des Kaisers Hof". Barbara war somit nicht die Gefangene eines primitiven und grausamen, sondern eines überbesorgten Vaters. 

Christophorus
Patron der Zimmerleute und Autofahrer, schützt vor jähem und unbußfertigem Tode.

Darstellung:
wohl mit am bekanntesten - mit Baumstamm oder Ast in der Hand und dem Jesuskind auf den Schultern

Kirchenlexikon
CHRISTOPHORUS, Märtyrer, der volkstümlichste Heilige des Morgen- und Abendlandes, einer der 14 Nothelfer. - Das ältestete Zeugnis der Verehrung des C. ist eine Inschrift über die Deposition von Reliquien in der 452 geweihten C.-Kirche in Chalkedon (Bithynien). Nach der "Passio", deren älteste Handschriften aus dem 8. Jahrhundert stammen, hieß er Reprobus und war ein menschenfressender Kynekephale (Hundsköpfiger) von Riesengröße. Er kam nach Samos in Lykien, empfing vor der Stadt auf wunderbare Weise die Taufe, bei der sein Name in C. umgewandelt wurde, und durch Gottes Gnade die menschliche Sprache. C. wirkte als Missionar Wunder und bekehrte sehr viele. Darum wurde er festgenommen. Der König ließ ihn in den Kerker werfen und schickte zu ihm zwei Dirnen, die ihn verführen und vom Glauben abwendig machen sollten, aber durch ihn bekehrt wurden. Da versuchte der König, ihn durch furchtbare Marter zum Abfall zu bewegen, erreichte aber nichts und ließ ihn darum enthaupten. - Die "Passio" wurde im 13. Jahrhundert auf deutschem Boden durch die Christusträger-Legende erweitert. Danach zog der Riese Offerus aus der Heimat, weil er dem größten Herrn dienen wollte. Er trat darum in den Dienst eines Königs, der als der mächtigste der Welt galt. Offerus aber erkannte, daß der König den Teufel fürchtete, verließ ihn und begab sich in den Dienst des Teufels. Als dieser dem Kreuz ängstlich auswich und ihm auf seine Frage gestand, er fürchte sich vor Christus, dem Gekreuzigten, verließ Offerus den Teufel, um Christus zu suchen und ihm zu dienen. Er traf einen Einsiedler, der ihm erklärte, Christus sei der höchste König, dem er am besten dienen könne, wenn er die Leute über einen gefährlichen Fluß heil hinüberbringe. Offerus baute sich eine Hütte nahe an der Übergangsstelle des Flusses. In einer Winternacht hörte er dreimal jemanden bitten, ihn über den Fluß zu tragen. Offerus fand einen kleinen Knaben, nahm ihn auf seine Schultern, ergriff seinen Stab und stieg in den Fluß. Doch das Kind wurde zu einer gewaltigen Last. Der Strom schwoll mächtig an und ging über ihn hinweg, während das Kind ihn taufte und ihn "Christophorus" (= "Christusträger") nannte. Am Ufer angekommen, gab sich der Knabe als Jesus Christus zu erkennen. - Der 1298 in Genua verstorbene Dominikaner Jacobus a Voragine hat die Christusträger-Legende in seine Sammlung "Legenda sanctorum" aufgenommen, die als "Legenda aurea", auch in mehrere Sprachen übersetzt, ein spätmittelalterliches Volksbuch wurde. So gelangte die C.-Legende zur größten Volkstümlichkeit. Der christustragende Riese hat seine früheste und weiteste Verbreitung in Kärnten, Tirol, Graubünden und den angrenzenden Alpenländern gefunden. Vom 15. Jahrhundert an wird der Riese mit dem Kind auf der Schulter, wie er den Fluß durchwatet, während der Einsiedler am Ufer mit der Laterne in der Hand steht, unzähligemal dargestellt. - C. ist Patron des Verkehrs, der Schiffer, Flößer Fährleute, Seeleute, Pilger Reisenden, Kraftfahrer, Luftschiffer, Lastenträger, Zimmerleute, Buchbinder, Färber, Hutmacher, Gärtner, Obsthändler, Äpfel, hoffenden Frauen, Kinder; gegen jähen Tod, Pest, Wassergefahren, Unwetter, Hagelschlag, Hungersnot, Widerwärtigkeiten, Wunden, Zahnweh; der Furten und Bergstraßen. Sein Fest ist der 25. Juli, bei den Griechen der 9. Mai, Armeniern 14. Juli, Kopten 3. August, Jakobiten und Melchiten 7. und 27. April.

Die Tochter kann auf wunderbare Weise den Turm verlassen. Ihr selbstbestimmtes Leben führt zwar letztlich in den Tod, aber dieser Tod wird erwartet und schließlich akzeptiert. Den Vater dagegen überfällt "zur Strafe" der Tod so plötzlich, daß eine Vorbereitung gar nicht möglich ist.Wenn man solche Überlieferungen als "nur" legendär bezeichnet, wertet man sie ab. Sie sind im Kern von überzeitlicher Gültigkeit. Solche Gestalten sind nicht in erster Linie mit dem Maß heutiger Geschichtswissenschaft zu messen. Die ist ja auch erst höchstens 200 Jahre alt, und das Christentum wird seit 2000 Jahren verkündet. Selbstverständlich werden im 19. und 20.Jahrhundert die Lebensgeschichten von Bernadette Soubirous und Edith Stein, Maximilian Kolbe und Clemens August Graf von Galen im heutigen Sinne exakt erforscht. Der Status eines "Heiligen" läßt sich dadurch aber nicht bestimmen; das ist nicht eine Frage der Fakten selbst, sondern ihrer Deutung. 

Es war eine Auswirkung des Zweiten Vatikanischen Konzils, daß vor rund einem Vierteljahrhundert erklärt wurde, der Riese Christophorus sei keine "geschichtliche" 'Gestalt. Es habe ihn nie gegeben.
Wen stört es heute noch, daß es den "Christusträger" als Individuum nicht gegeben hat? Der Typ Mensch, der, anspruchsvoll gegen sich selbst, sein Leben damit füllen will, dem "höchsten Herrn" zu dienen, ist doch gewissermaßen eine Bündelung vieler realer menschlicher Existenzen. In einer solchen "Verdichtung" liegt echte Wahrheit, kurz: Auch der unhistorische Christophorus ist ein bleibendes Predigtthema.
Auf diese Weise können die Nothelfer auch und gerade bei kritischer Betrachtung "weiterleben".
Übrigens: Ihre Namen leben ja auch noch bei uns. In meinem Bekanntenkreis in Rheindahlen gibt es einen Christoph W., eine Barbara H., eine Margret I., eine Katharina M., einen Georg V., einen Dennis N. und sogar einen Vitus W..

 

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